Die Sephardischen Juden

Der hebräische Name „Sepharad“ bezeichnet  in der jüdischen Überlieferung die iberische Halbinsel. Die sephardischen Juden wurden ab dem 15. Jh. gezwungen, das Land zu verlassen und trugen ihre Kultur und ihre Lieder bis in die entferntesten Winkel der Welt.

 

 Zur Geschichte: 

1. Die Anfänge

Wann die ersten jüdischen Siedler auf die iberische Halbinsel gelangten liegt im Dunkeln, doch sind uns Zeugnisse jüdischen Lebens aus dem 1. Jh. vor Christus erhalten. Die Zuwanderung verstärkte sich nach der Zerstörung des zweiten Tempels und dem Ende des jüdischen Staates 70 n. Chr., sowie nach der großen Diaspora ab dem Jahr 135 n. Chr.

Zur Zeit des Zusammenbruchs des weströmischen Reiches (476) und der beginnenden westgotischen Herrschaft im heutigen Nordspanien (484) existierten dort schon alteingesessene jüdische Gemeinden mit einer beträchtlichen Einwohnerschaft.

Unter den westgotischen Königen konnte sich das jüdische Leben zunächst frei entfalten, doch als der Herrscher Reccared (und mit ihm seine Untertanen) im Jahr 589 zum katholischen Glauben übertrat, begannen die ersten Repressalien. König Wamba beschloss schließlich 671 die Ausmerzung des Judentums.

 

2. Das maurische Spanien

Die Invasion arabischer Eroberer im Jahr 711 und der plötzliche Fall des Westgotenreiches bedeutete mehr als nur eine Erleichterung für die jüdische Bevölkerung Spaniens, die die neuen Herrscher unterstützte. Im für das muslimische Spanien charakteristischen Klima der Toleranz (was allerdings bei weitem nicht für alle arabischen Herrscher galt) waren Juden (wie auch Christen) der muslimischen Bevölkerung zwar nicht gleichgestellt, hatten aber doch die Möglichkeit, sich relativ frei zu entfalten. Juden stiegen sogar bis in höchste Ämter in Regierung und Verwaltung auf (wie Chasdi Ibn Schaprut, der Leibartzt und erste Minister des Kalifen Abdurrahman II) und hatten regen Anteil am Aufblühen von Wissenschaft und Kultur in einer Epoche, die der Geistesgeschichtler Juan Vernet als den „glanzvollen Höhepunkt der spanischen Wissenschaften“ bezeichnet. Auch in den seit dem Ende des 10. Jh. wieder entstandenen Königreichen des christlichen Nordens spielten Juden eine wichtige Rolle, nicht zuletzt als Mittler zwischen den Kulturen. Christliche Herrscher pflegten jüdische Höflinge zu haben, und oft beschäftigte man sie als Übersetzer und als Diplomaten.

Juden hatten großen Anteil an der Vermittlung arabischen Wissens an den lateinischen Okzident, auch in Bezug auf das Verständnis der großen Werke der Antike.

 

3. Das christliche Spanien

Die Schlacht von Las Navas de Tolosa (1212) bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte Spaniens. Die Reconquista (Rückeroberung muslimischer Gebiete) setzte ein und 1236 fiel die einstige Hauptstadt des Kalifats, Cordoba. Sevilla folgte 1248, und schon um 1270 blieb den Moslems wenig mehr als das Königreich Granada.

Im christlichen Spanien waren die Juden zunächst in rechtlicher und spiritueller Hinsicht  integriert, jedoch keineswegs gleichgestellt mit ihren christlichen Mitbürgern. Ein allzu enges

Zusammenleben wurde  - wohl von beiden Seiten, vermieden. Auch von kirchlicher Seite provoziert, wurde die Situation der sephardischen Juden jedoch zusehends schwieriger.

Wachsende restriktive Maßnahmen, Erniedrigungen und Bekehrungsversuche führten zu einer immer größeren Zahl von „Conversos“, meist unter äußerem Zwang „bekehrte“ Scheinchristen – und die Saat des Hasses ging auf. Es kommt zu Plünderungen und ersten Pogromen. Von den Oberen nur halbherzig oder gar nicht beschützt, verließen immer mehr Juden das Land. Schon 1391 ist eine bedeutende Auswanderungswelle, v. a.  nach dem Maghreb, zu verzeichnen. Seit 1451 (und bis ins 18. Jh. hinein) wurden die „Conversos“ von der Inquisition schikaniert, es kam zu Folter und Hinrichtungen. 

Es sei hier aber auch erwähnt, dass Repressionen gegen Juden und „Conversos“ nicht zu allen Zeiten und an allen Orten in gleichem Maße stattfanden. Das Königreich Navarra bildete lange Zeit einen Zufluchtsort für die Verfolgten, und immer wieder gelangten Juden sogar in wichtige öffentliche Positionen. So z.B war Isaak Abravanel einer der wichtigsten Berater am Hof des mächtigen Königspaares Ferdinand III. und Isabella von Aragón und Kastilien, die im Jahr 1492 mit der Eroberung des Königreiches Granada das Ende arabischer Herrschaft auf der iberischen Halbinsel besiegelten. Kurz darauf im selben Jahr, und unter dem Druck des Großinquisitors Tomás de Torquemada, unterzeichnete derselbe Ferdinand III. das Edikt von Santa Fé, mit dem die systematische Vertreibung der Juden seinen Lauf nahm. Nun mussten alle Juden innerhalb einer bestimmten Frist das Land verlassen, oder sich taufen lassen.

 

4. Die Vertreibung

Viele Juden - man spricht von etwa 200.000 - flohen, andere ließen sich taufen. Die Flucht führte sie nach Portugal, dem Maghreb, nach den Hafenstädten Genua und Marseille, und einige gelangten bereits bis Saloniki und Istanbul. Doch die Geschichte der Juden in Spanien war nicht auf einen Schlag beendet. Es gab immer mehr „Conversos“ („Neuchristen“), die weiterhin versuchten, sich zu integrieren, was zum Teil sogar von den spanischen Herrschern gefördert wurde, denn die Juden bildeten einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor. „Sie nennen Ferdinand einen weisen König, ihn, der seine Länder beraubt, um meine zu bereichern“ soll Bayazid II., der Sultan des Osmanischen Reiches, damals gesagt haben. Auch das (Ende des 12. Jh. gegründete) Königreich Portugal wies seine Juden schließlich aus (1496), und für die zurückgebliebenen „Conversos“  wurden die Lebensumstände immer schwieriger. Durch die zwischen  zwischen 1530 und 1550 eingeführten Vorschriften über die „limpieza de la sangre“ („Reinheit des Blutes“) wurden sie praktisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen, und es begann ein stetiger, langanhaltender Exodus der Sepharden.

 

5. Die Diaspora

Die Flucht führte die Sepharden über mehrere Etappen in viele Teile der Welt. Nordafrika (v.a. Marokko) und das Osmanische Reich wurden wichtige Zufluchtsorte, aber im gesamten Mittelmeerraum entstanden neue Zentren sephardischer Kultur. Sepharden gelangten bis Hamburg, London und schon bald bis in die Neue Welt. Serbien, Bosnien, Palestina, Jerusalem, Syrien, Rumänien, Frankreich, Griechenland, Bulgarien, die USA, Algerien, Ägypten, Brasilien, die Karibik (...), an all diesen Orten gibt oder gab es sephardische Gemeinden.  Auch in der Diaspora vollbrachten jüdische Gelehrte herausragende Leistungen, so wurde Amsterdam im 17. Jh. zu einem strahlenden Zentrum jüdischer Lehre.

Letztendlich setzte sich die Wanderbewegung fort bis ins 20. Jh., die sephardischen Juden retteten sich oft von einem Land ins andere, und nicht selten wieder zurück.