Zur Musik der Sephardischen Juden

Zallererst sei hier gesagt, dass es CANTARELA in keinster Weiseum eine authentische oder gar historische Interpretation sephardischer Musik geht (ganz im Gegenteil). Es soll hier aber auf die Herkunft dieser Musik eingegangen werden, die für uns eine wunderbare und inspirierende Schatztruhe an Melodien und Liedern darstellt.

 Über die weltliche Musik der Sephardim vor der Vertreibung von der iberischen Halbinsel gibt es kaum verlässliche Berichte (die liturgische Musik ist für CANTARELA naturgemäß von weniger Belang…). Dazu kommt, dass die Herkunft vieler judäo-spanischer Lieder  noch im Dunkeln liegt. Erst in jüngerer Zeit gibt es in dieser Hinsicht ernstzunehmende wissenschaftliche Forschungsarbeiten.

In spanischen Quellen sind jedoch viele jüdische Musiker erwähnt, auch am Hof Alfons X. von Kastilien (1252-84) spielten sie, neben christlichen und muslimischen Musikern, eine wichtige Rolle. Zur Zeit der Vertreibung hatten die spanischen Juden viele damals in Spanien aktuelle Liedgattungen in ihre weltliche Musiktradition integriert (z. B. die „Romance“ oder das „Villancico“). Auch eine kulturelle Beeinflussung der hebräischen Dichtung durch arabische Modelle führte zu neuen musikalischen Formen, vor allem in der liturgischen Musik.

 Ein Großteil des weltlichen Repertoires entstand jedoch erst nach der Vertreibung, wobei der Einfluß der jeweiligen Gastkulturen zu regional sehr unterschiedlichen Traditionen führte. Während in Amsterdam das judäo-spanische Repertoire schnell in Vergessenheit geriet und von aktuellen westeuropäischen Musiktraditionen verdrängt wurde, wurden im Maghreb und in den östlichen Gemeinden die Lieder zunehmend in das jeweilige Maqam-System integriert.

Auch das Instrumentarium bestand aus dem der jeweiligen Gastkulturen. Gängige Praxis waren (schon vor der Vertreibung) Kontrafakturen, d.h. bestehende Lieder wurden mit neuen Texten versehen. So fanden auch griechische, türkische usw. Lieder Eingang in das judäo-spanische Repertoire, und in der Folge konnte ein und derselbe Liedtext in verschiedenen Gemeinden mit den unterschiedlichsten Melodien versehen sein. Auch können Lieder von Männern und Frauen in unterschiedlichen Tonsystemen gesungen werden, da das Maqam-System im weltlichen Liedrepertoire (einer Domäne der Frauen) in jüngerer Zeit zunehmend von einer westlichen, modal gefärbten Diatonik verdrängt wurde. Liturgische und paraliturgische Lieder dagegen sind eine Domäne der Männer …

 

Doch was blieb vom spanischen Erbe?

Da weltliche Lieder fast ausschließlich mündlich überliefert wurden, lässt sich ihre Herkunft meist nicht mehr feststellen. Auffällig ist jedoch, dass sich Romancero-Texte über explizit spanische Themen (z.B. Schlachten im mittelalterlichen Spanien) so lange gehalten haben. Auch fanden populäre spanische Lieder noch bis ins 19. Jh. ihren Weg nach Marokko. Fest steht allerdings auch, dass viele erst in jüngerer Zeit entstandenen Lieder oft irrtümlich als „mittelalterlich“ kategorisiert und interpretiert wurden. Doch das Erbe bleibt lebendig, in unterschiedlichster Weise. Von Jordi Savalls berühmtem Ensemble für alte Musik, „Hesperion XX“,  erschien 1999 eine CD mit sephardischen Romanzen. Aber auch Estrella Morente, ein Star der aktuellen Flamenco-Szene, hat Lieder sephardischen Ursprungs interpretiert, genauso wie der spanische „Liedermacher“ Joaquín Díaz. Ganz anders klingen u. U. Aufnahmen von Musikern und Ensembles aus Israel, Nordamerika, oder den Ländern des Balkans …